Gustav-Hacker-Siedlung

Die städtebauliche Entwicklung von Richen begann 1955 mit dem Bau der Gustav-Hacker-Siedlung.

Es gab viele Gründe, warum im Raum Groß-Umstadt vor 50 Jahren eine Siedlung mit Nebenerwerbsstellen errichtet wurde. Zum einen waren da die Millionen Flüchtlinge und Vertriebene; alleine 401.856 kamen 1946 laut einer Aufstellung des Digitalen Archiv Hessen-Darmstadt nach Hessen. Auch in Groß-Umstadt gab es nach dem Krieg viele Evakuierte aus den zerbombten Städten und auch Vertriebene; zu Beginn mehr Evakuierte als Vertriebene, aber der Zustrom wuchs stetig, so dass es 1952 in Groß-Umstadt 1.390 Flüchtlinge und Vertriebene gab, die dann als Neubürger bezeichnet wurden. Daraus resultierte eine große Wohnungsnot. Laut einer Dringlichkeitsliste des Magistrats von 1953 wurde festgestellt: „Sozialer Wohnungsbau muss forciert werden, es fehlen 450 Wohnungen“.

Zu dieser Zeit gab es in Groß-Umstadt aber schon expandierende Firmen, die dringend zusätzliche Arbeitskräfte suchten. So hatte die Firma Römmler 1955 in einem Brief an den damaligen Minister für Landwirtschaft und Forsten, Herrn Gustav Hacker, einen Bedarf von ca. 200-300 zusätzlichen Mitarbeitern angemeldet.  Auch die Firma Palme und Walter benötigte zusätzlich ca. 50 Arbeitskräfte.

Es gab sicher noch andere Gründe, aber alles zusammen führte dazu, dass sich 1955 die Stadt Groß-Umstadt  – allen voran Herr Bürgermeister Ludwig Wedel - bei der Nassauischen Siedlungsgesellschaft um den Bau von Nebenerwerbsstellen bewarb. Ziel war es:

  • Vertriebene dauerhaft anzusiedeln und eine neue Heimat zu geben,

  • dadurch auch Arbeitskräfte nach Groß-Umstadt zu holen und

  • ortsansässigen Wohnungssuchenden neuen Wohnraum in den Einliegerwohnungen der Siedlungshäuser zu ermöglichen.

Mit Minister Hacker, der schon seit langem mit Groß-Umstadt und Richen eine Freundschaft verband, hatte die Stadt einen Befürworter für das Anliegen gewinnen können.

Ursprung dieser Verbundenheit

 

Die damaligen Bürgermeister von Richen Adam Storck II. und Ludwig Wedel von Groß-Umstadt kannten Minister Hacker durch viele politische Kontakte. Ludwig Wedel war von Dezember 1958 bis zum November 1970 Mitglied des Hessischen Landtags und später auch Kreistagsvorsitzender.  Alle drei waren auch so wie einige andere politischen Mandatsträger von Land und Bund Mitglied im „Ritterorden zum wolligen Hammel“. In der Ordenshochburg "Zum Deutschen Haus" in Groß-Umstadt/Richen traf sich seinerzeit diese Politprominenz zu regelmäßigen Veranstaltungen des Ordens.

 

Erste Planungen

 

Geplant wurde 1955 zuerst die Errichtung von 25 Nebenerwerbsstellen. Die Anzahl wurde aber im Laufe des Jahres 1956 auf 60 Nebenerwerbsstellen erhöht und zwar:

 

  • 19 auf der Herrnwiese

  • 21 auf der rechten Seite der Spremberger Strasse

  • 16 auf der Bleiche

  • und 4 auf dem Geiersberg.

 

Diese Standorte schieden aber schon Anfang des Jahres 1956 aus, da vom Bundesausgleichsamt pro Nebenerwerbsstelle „mindestens 1000 qm Eigenland geschlossen um die Hofstelle“ gefordert wurden. Dies war an diesen Standorten nicht möglich. Die Anzahl der Nebenerwerbsstellen erhöhte sich im Laufe des Jahres 1956 zuerst auf 100 und dann auf 125. Als Bauland wurden die Glocken- und die westlichen Unterwiesen – heutiger Standort - ausersehen. Dort gab es aber schon Hochspannungsleitungen, die wiederum dazu führten, dass der Siedlungsplan geändert werden musste. Ganze Straßenzüge (z.B. die heutige Breslauer Strasse) mussten weiter nach Osten verlagert werden und der Abstand zwischen den Querstraßen musste so geplant werden, dass die Straßenachsen und die in der Nähe stehenden Betonmasten der 20kV-Leitung nicht mehr als 25 Meter voneinander entfernt waren. Da die Hochspannungsleitungen teilweise über Grundstücksgebiete verliefen, musste ein Schutzstreifen unter den Leitungen berücksichtigt werden, der nicht bebaut werden durfte.

Im Oktober 1956 wurde die Zahl um weitere 30 Nebenerwerbsstellen auf nunmehr 155 erhöht, wobei die Zusätzlichen auf Richer Gebiet lagen.

Das Kind muss einen Namen haben

 

Verschiedene Namen wurden für die neue Siedlung gehandelt, so hieß das Bauprojekt in

den Anfangszeiten „Unterwiesen-Siedlung“. Die Grundstücksflächen trugen von alters her die Namen

„Das alte Bruch, das neue Bruch, die Ochsenwiesen und die Glockenwiesen“. Zwischenzeitlich

gab es deshalb den Vorschlag das neue Baugebiet auch „Stadtteil Glockenwiesen“

zu nennen. Laut Stadtverordnetenbeschluss vom 9. Juli 1956 wurde dann aber einstimmig beschlossen, der Siedlung den Namen „Gustav-Hacker-Siedlung“ zu geben. Damit wurde Herrn Minister Hacker für die große Unterstützung bei den Bemühungen um die Entwicklung der Stadt Groß-Umstadt gedankt, gekoppelt mit der Bitte, bei der Grundsteinlegung auch anwesend zu sein. Diese erfolgte am 22. Juni 1957.

 

Der Bau der Siedlung

 

Vom Regierungspräsidium wurden Auflagen für das Baugebiet und die Siedlungshäuser vorgegeben, da das Baugebiet ein sogenanntes Niederungsgebiet (Feuchtgebiet/Sumpfgebiet) darstellte. Deswegen wurden umfangreiche Planungen für die Entwässerung des Gebietes, die Ableitung des Grundwassers von den Häusern und die Kanalisation durchgeführt und in entsprechenden Maßnahmen umgesetzt. Auch die Häuser mussten durch Betonpfähle gegen Absinken gesichert werden. Dies erhöhte natürlich die Baukosten, deshalb wurde der ursprünglich geplante größere Bautyp verworfen und stattdessen ein billigerer und kleinerer Typ gewählt, der entsprechend weniger Wohn- und Nutzraum bot. So wurden Häuser mit 3 unterschiedlichen Einteilungen und 110 qm Wohnfläche für 2 Familien gebaut. Zu jeder Siedlerstelle gehörte ein Garten mit mindestens 1000 qm.

Gebaut wurde in der Zeit von Mitte 1956 bis Ende 1958.

Die Entwicklung schritt voran

Natürlich gab es auch Bedarf für Geschäftstätigkeiten in der Siedlung. 2 Lebensmittelhändler, 2 Metzgereien, 1 Textilgeschäft, 1 Bankfiliale, 1 Poststelle, 1 Tankstelle und 2 Gasthäuser öffneten ihre Pforten.

In den Folgejahren wurde die Siedlung mehrfach erweitert. So entstanden weitere Siedlerhäuser im Gebiet „In den tiefen Wiesen“. Für 25 dieser Häuser wurde im Februar 1966 Richtfest gefeiert. Ende der 60er Jahre wurde dann die Siedlung um einen weiteren Teil im Gebiet „An der Steinmauer“ erweitert.

 

Öffentliche Einrichtungen

 

Angesiedelt wurden mehrere öffentliche Einrichtungen. Die Ernst-Reuter-Schule wurde gebaut und am 5. Oktober 1968 als Mittelpunktschule eingeweiht. Im April 1974 wurde der Kindergarten der evangelischen Gemeinde Richen und Groß-Umstadt „In den tiefen Wiesen“ seiner Bestimmung übergeben. Am 28. September 1980 wurde von der katholischen Kirchengemeinde das Gemeindezentrum St. Wenzel in der Eisenacher Strasse eingeweiht. Im Februar 1983 war die Fertigstellung der Großsporthalle an der Ernst-Reuter-Schule in der bis zur Errichtung der Heinrich-Klein-Halle die Umstädter Handballer ihre Heimspiele austrugen.

 

Die Gustav-Hacker-Siedlung und deren Bürger sind heute zu einem festen Bestandteil der Stadt Groß-Umstadt geworden. Ursprüngliche Befindlichkeiten sind vergessen, die heutigen Bürger in der Siedlung sind voll integriert und fühlen sich als „Umstädter“. Immer mehr Nebenerwerbsstellen haben sich durch die Aufbauleistung der Bürger zu ansehnlichen Häusern mit Nutz- und Erholungsgärten entwickelt. 

Die Gustav-Hacker-Siedlung wird vertreten durch die

Siedlergemeinschaft Gustav-Hacker-Siedlung e.V.

Informationen zur Siedlergemeinschaft finden sie hier: Siedlergemeinschaft

Impressionen aus der Gustav-Hacker-Siedlung:
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